Maragogi 2.-4. Oktober 2024
- Milena da Silva Reis

- 3. Okt. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Okt. 2024
Hinterland hässlich, Strand paradiesisch. Das gilt für sehr viele Orte, in Maragogi beginnt die Trennung nicht wie in anderen Orten in den Hintergassen, in abgetrennten Quartieren, sondern wie oft in weniger touristischen Orten bereits an der Orla, der Strandpromenade. Nur ist Maragogi wegen seines besonders schönen und grossen vorgelagerten Riffs, das bei Ebbe viele natürliche Piscinas und Sand- und paradiesische Riffbänke freigibt und das die starken Wellen des Atlantiks bricht und dadurch einen riesigen ruhigen Meeresstrand bietet, sehr touristisch.
Hier kommt ein kleiner Exkurs.
Die meisten Leute in Brasilien, die ich auf meiner Reise um das Land treffe, haben wenig Umweltbewusstsein. Diejenigen, die eines haben, sprechen darüber, machen sich schon Gedanken, leben aber im Alltag noch stärker als die Europäer eher nicht nach den ihnen wohl bekannten Möglichkeiten, etwas zum Schonen der Umwelt beizutragen. Beispiele: Es gibt an jeder Ecke die farbigen Plastikkübel, die zur Abfalltrennung anregen.
Blicke hinein an vielen Orten bestätigen, dass dies wirklich systematisch nicht klappt. Oder, wenn ein Schild im Nationslpark darauf hinweist, dass es verboten ist, Abfall in die Natur rauszuwerfen, sind dort besonders viele Büchsen, Flaschen, Plastiksäcke, Verpackungen oder mehr in der schönen Natur, aber eigentlich überall, in jeder Ecke oder Fläche, wird einfach weggeworfen, wo man gerade ist.
JournalistInnen veröffentlichen, auf dem grössten und staatlichen Nachrichtenportal G1 regelmässig, Berichte, Auswertungen und Statistiken, im Link hinterlegt das jüngste Beispiel zur Abholzung des Amazonas. Aus meinen Gesprächen rund um das Land geht hervor, dass niemand sich wagt oder Lust oder die Möglichkeit hat, ausser grosser Worte, vor allem vor den Wahlen wie jetzt am Wochenende, wenn prestigeträchtig Touristen beruhigt oder angelockt werden können, oder im harten Alltag etwas zu unternehmen. Die grosse Masse der über 200 Millionen Einwohner kämpft um und für ganz andere Dinge, angefangen bei den Basics des Überlebens. Die jüngste Statistik zur Abholzung des Amazonas oder dass dieses Jahr über 80% der Naturreservate im Pantanál gebrannt haben, sprechen Bände. Gemäss meinen Quellen weiss jeder seit Jahren, warum der Urwald oder die Wälder des Pantanál werden. Keiner wagt sich, etwas dagegen zu unternehmen, viele, auch nur öffentlich zu sagen. Jeder spricht darüber, alle, die ich befrage, erklären mir im Gespräch, wie das funktioniert, weichen dann aber mit wenigen Ausnahmen auf allgemeine Aussagen aus, wenn ich nach konkreten Namen oder Details frage. Zu mächtig die Fazendeiros, die oft gar nicht dort wohnen, wo es brennt (habe ich oft gesezeigt bekommen), die aber inklusive politischer Ämter und Freunde bei den verschieden Polizeiverbänden alles haben, um die Leute schweigen zu lassen. Und wer von den Behörden oder Politikern kommt je diesen beschwerlichen Weg in diese heisse Hölle des Amazonas, um etwas zu unternehmen?, fragen einige achselzuckend (es ist über 40 Grad am Schatten, der Himmel vom Rauch bedeckt, das Atmen mühsam, die Strassen verdienen diesen Namen nicht, die Bedingungen weit weg von jeglichen Annehmlichkeiten). Jedenfalls habe man in den vielen Jahren seit der systematischen Abholzung keinen gesehen. Und die Polizei ist korrupt, das höre ich in jeder Ecke des Landes, ohne Ausnahme. Ansonsten schreibe ich zum Amazonas im Blogbeitrag mit diesem Titel.
Nicht anders mit der Armut und den hässlichen, vernachlässigten Orten ist es hier in den anderen Staaten des Nordwestens.
Ich bin froh, dass mein Auto zuverlässig und ohne Panne bei den Orten im Hinterland von Pernambuco und Alagoas durchfährt. Von der Bauweise her könnte man sie auch comunidades nennen. Vergessen, sich selbst überlassen, Verdienstmöglichkeiten nur in den unendlichen Zuckkerrohrfeldern, -Fabriken oder lokalen improvisierten Kleinstunternehmen.
Und dann tauchen die Herz-Stadtnamen-Fotosujets in entsprechender Häufigkeit zur Strandnähe auf. Hier ist nur die Orla, die Strandpromenade, einigermassen ansehnlich, der Strand selber und die Riesenlagune ein Paradies.
Wir kommen um Vier bei Flut an, checken kurz in der Pousada dos Jangadeiros ein und laufen zwei Stunden dem Strand entlang, gehen auch je zweimal schwimmen. Das tut so gut und ist warm und ruhig.
Das Abendessen in der offenen Hütte am Strand ist schön, warm, und mässig gut, aber wir sind mit wenig zufrieden.
Hier ist es von fünf bis fünf hell, Ebbe ist um halb zehn bis elf, so geht unser Passeio auf dem flossartigen Boot am Morgen um halb neun los. Also theoretisch. Nach neun werden wir zum Einsteigen geleitet, das Wasser bis zum Bauch. Zuerst tuckern wir zum Caminho de Moises, wo die Leute aussehen, als ob sie auf dem Wasser laufen würden. Also, theoretisch. Denn die ganze Sandbank ist übersät mit Herzen, Schaukeln, Hängematten und Bistrotischen für Selfies. Auf die schönen darf nur drauf, wer den Fotografen bezahlt.
Es regnet und hat Wind, allerdings bei etwa dreissig Grad, daher gehen Luís und ich ohne Kamera los und waten brusthoch durchs klare Wasser, auf der Sandbank ist das Erlebnis trotzdem cool.
Dann fahren wir zum Rand des Riffs, wo wir vor und um Korallen herum watend, schwimmend und staunend die Meeresfauna betrachten. Die Fische werden auch hier gefüttert, aber völlig inoffiziell, denn auch hier ist es verboten. Die Touristen kümmert das nicht, die trotz Anweisung mitten durch die Riffs stolpern. Wir leisten einen Beitrag zur lokalen Wirtschaft, indem wir einen Fotografen unterstützen.
In der Pousada, wo wir ein Zimmer auf dem Dach haben, ist es, hach, die Lage, die Aussicht, das Klima, einfach schön.











































































































































































Kommentare