Rota das Emoções
- Milena da Silva Reis

- 18. Sept. 2024
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Sept. 2024
Eigentlich ist dieser Weg zu viel. Man kommt nicht dazu, das Gesehene zu verarbeiten, bevor schon wieder noch schönere Eindrücke auf einen herein"fallen". Für uns arbeitende WesteuropäerInnen braucht es Zeit, Eindrücke zu verarbeiten. BrasilianerInnen finden das "legal", maravilhoso. Wir auch, nur haut es uns um. Capotamos jeden Abend, das heisst, wir sind kopfvoran ins Bett gefallen und eingeschlafen wie ein Stein.
Die Rota das Emoções beinhaltet die Lenções Maranhenses von Atíns aus, das Parnaíba Delta, und Jericoacara.
Es sind paar hundert Kilometer, drei Staaten und paar Tage. Sage ich's doch, für hier cool, für uns einmal durch Europa in ein paar Tagen. Zum Glück hatte ich Marco Sieber gesagt, dass ich immer mal wieder eine Pause bräuchte, als er mir die Volta do Brasil zu organisieren half. Ich dachte, es sei wegen meines Alters, dass ich das brauchen würde. Es ist aber aus obgenannten Gründen, dass ich Zeit brauche. Auch, um zu schreiben, meine Sachen umzupacken, zu waschen, zu bloggen, oder, wie heute in Barra Grande, um einfach mal einen Tag am Meer zu verbringen und endlich zu baden. Im offenen Atlantik zu baden ist nicht ohne. Bei Ebbe sind wir weit hinausgelaufen und haben kleinen Krebsen in fremden Muschelhäusern beim Herumwandern zugeschaut. Jetzt kurz vor drei Uhr sind Luís und ich schwimmen gegangen, das Wasser etwa 30 Grad, die Luft 34. Um Vier ist Flut, darum haben wir uns bei steigender Flut, die zum Strand drückt (auch hier mehrere Meter hoch) gewagt, denn der Wind ist stark, die Strömungen auch. Wir haben weiter vorne eine Gruppe Badende gesehen, die ruhig am Ort bleiben konnten und liefen dazu. Man kann so zwei, drei Meter ins Meer hinausgehen, dann wird man überspült. Darum ist es gut, wenn man eben noch Bodenkontakt hat. Man will fast nicht mehr raus, es ist wild und schön. Aber nach fünf Minuten ist man Dutzende Meter weiter.
Jetzt ist Entspannen angesagt, den Coco gelado hatten wir schon...
Vor dem Strand hatten wir gemütlich und ausgiebig gefrühstückt,
..und davor hatte ich meinen Lieben geschrieben, dies sei mein neues Zuhause, ich bleibe hier.
Oder konnte schon jemand im offenen und trotzdem luxuriösen WC am Äquator sonnen?
Wir befinden uns in Barra Grande in der Pousada BGK, im Chalêt mit meiner Lieblingszahl.
Genau, auch ich hatte davor noch nie weder vom einen noch vom anderen gehört. Aber wer eine stilvolle Auszeit in einem süssen kleinen Ort mit allem erdenklichen Luxus, dem Kite-Surfen vor der Nase und weit ab von allem braucht, bitte sehr, Marcoseidank, mein Tipp sei hiermit deponiert. Übrigens ist heute auch ein kleines Film-Team da, um für den Ort einen Werbefim zu produzieren, ganz auf die brasilianische Art, mit einer schönen Frau, die übrigens hier im Ort wohnt und die alle schönen Ecken präsentiert...
Wir sind gestern nach halb sieben eben noch schnell anderthalb Stunden oder mehr als 120 km durch das finstere Nirgendwo gefahren, um hier anzukommen.
Aber der Reihe nach:
Bis Atíns und den Lenções Maranhenses hatte ich schon in den vorangehenden Beiträgen geschrieben.
Gestern morgen um acht holte uns ein Toyota banderante, Jardineira oder Pau de Arara vor der Pousada Jarará in Atíns ab. Es ging zum Hafen am Fluss, durchs Dorf, wo Esel und Kühe Vortritt haben.
Dort wurden wir vom piloto Luís mit einem barco voadeiro nach Cabouré übergesetzt, über das Flussdelta des Rio Preguiças.
Halt, Stopp! Ein Schnellboot kam und machte Zeichen, wir sollten umkehren.
Ja, die monchilla, der Rucksack, von Luís war nicht mitgekommen, und so drehten wir nochmals um....
Der Fahrer Rodrigo wartete in Cabouré mit dem 4x4, denn die erste halbe Stunde fuhren wir dem Meer entlang. Es gibt erst später eine Strasse, und bei Flut geht es auch bis da nicht wirklich.
Dann fuhren wir seit Barreirinhas zum ersten Mal wieder auf festen Strassen. Es gibt im Nirgendwo einen chichi Stop, wir fahren ansonsten bis 11.30 Uhr durch, drei Stunden.
Wir machten einen Abstecher zum Meeresarm in Tutoia, um ein legendenumwobenes Schiffswrack zu besuchen. Mit "Friedhof der Schiffe" wird es beworben, aber besuchenswert ist es allemal. Man steigt auf ein Schiffsbug-förmiges Denkmal und sieht die alte Schiffskonstruktion, von deren Herkunft offenbar niemand hier so genau weiss.
Wir verlassen wir den Staat Maranhão. In Parnaíba, im nächsten Staat, der so wie die Stadt und auch der Fluss heisst, der Maranhão und Parnaíba trennt, gibt es nach anderthalb Stunden Fahrt Mittagessen. Unterwegs viel Halbsteppe auf Sand, viele kleine Aldeias mitder Grösse nach Chácaras, Sitios und Fazendas. Und vielen Tieren auf der Strasse. Auch auffällig ist, dass in allen anderen Staaten bisher die Autos zu 99% weiss oder grau oder silbergrau waren, in Parnaíba gibt es viele rote Autos.
Die Stadt ist erstaunlich grosszügig und gut aufgeräumt. Wir treffen Jorge und seine Familie, die schon in Atíns waren und mit denen wir (unter anderen) geschwatzt hatten. Das Selbstbedienungsrestaurant ist laut Rodrigo super. Es gibt Zunge und anderes undefinierbares Fleisch, Salat meide ich, also nehme ich wenig von drei Reisgerichten, Zwiebeln und Tomaten, Batata doce, Gemüse, Feijoada. Und einen leckeren frischen Suco de Acaí.
Dann geht es eine halbe Stunde weiter nach Ilha Grande zum Flussdelta des Parnaíba, und wir müssen den Umwelt-Voucher lösen. Der nette Herr zeigt sich erfreut über den Besuch aus der Schweiz und erlässt uns den Beitrag. Bebändelt werden wir trotzdem.
Uns erwartet Huan, ein junger Marinhero, als piloto de lancha. Dieses Boot bringt uns sanfter über die Wellen des Delta do Rio Parnaíba als die voadeiros.
Wir fahren durch die verzweigten Seitenarme, um Inseln herum und den Dörfern der povos indígenos entlang, die Krebse fischen, als uns Huan fragt, ob wir gerne Cajú hätten. Haben wir, als steigt er kurzerhand das Flussufer hoch und holt uns zwei Sorten frische Früchte, einige handgross.
Wenig später zeigt er uns Affen hoch oben in einer Mangue.
Dann biegt er in einen wirklich kleinen Seitenarm ein. Es könnte sein, dass wir ein Jacaré oder eine Schlange oder sonst Tiere sehen.
Wir sehen: ein Capibara im Tiefschlaf,
einen Krebs in einem der Fangkörbe, die ganz einfach mit leeren Petflaschen markiert sind,
und eine Affenfamilie. Der eine Schlaumeier hängt am Schwanz und erreicht so die leckersten Blätter.
Dann geht es weiter flussaufwärts, an treibenden Pflanzen- und vielen Inseln vorbei.
Huan zeigt uns auch ausser den vielen Mangroven die Acaí Palme. In ganz Brasilien gibt es Städte in jeder Grösse. Jede hat eine Kirche, einen Platz und eine Sorveteria. Dort geht man vor allem fürs Acaí hin, dunkelrot-lila, süss. Überall gibt es Acaí Fruchtsaft, und in guten Restaurants gibt es Acaí als Creme, meist mit Bananen, ungesüsst. So eine hatte ich am letzten Abend in Atíns, gleich gegenüber unserer Pousada.
Danach fuhren wir weiter zu den Dünen, die auch Lagunen haben und sich wunderschön aus dem Fluss anheben. Sie sind fest und daher sehr gut begehbar. Man wird bei der Ankunft vom legendären Kokosmann im Pfahlbauhaus begrüsst, welcome to my paradise. Natürlich trinken wir dann auch eine Kokos aus, das Wandern macht Durst.
Die Flut kommt schon, als wir brusthoch watend zum Schiff zurückkehren. 25 Minuten flussaufwärts halten wir vor einer der Inseln, so wie etwa 25 weitere Boote auch.
Jahraus, jahrein kommen pünktlich zum Sonnenuntergang Tausende rote Guará, versammeln sich, fliegen umher, bis ihr Feind, die Gaivota, den Schlafplatz freigibt. Es seien mal über dreitausend Guará gezählt worden, erzählt Huan. Sie sind wie die Flamingos grau geboren und werden erst durch die Krebse, die sie fressen, rot. Nicht rosa, knallrot. Das Spektakel ist berühmt, und es lässt einen staunen. Etwas vom Schönsten, was die Vogelwelt bietet.
Hätten wir nicht Huan als Guia gehabt, hätten wir, wie alle anderen auch, den Sonnenuntergang verpasst. Der war nur fünf Minuten entfernt, und es reichte danach sogar noch, zum Beobachten der Guará vermelha zurückzukehren.
Bis sich die Guará niedergelassen und die grüne Insel in einen leuchtend rotfleckigen Wald verwandelt haben, ist es fast dunkel.
Die Vögel kommen in Gruppen, kreisen, lassen sich nieder, fliegen wieder auf, sie schlafen immer auf dieser einen Insel, ein Wunder der Natur.
Aber der Emoções nicht genug: Beim Zurückfahren zeigten sich im Westen Himmelsstrahlen in allen Farben, während im Osten.... der Supermond aufging. Vollmond im Parnaíba Delta. Aus tiefsten Inneren entfuhr es Huan: Ist Gott nicht grossartig?
Amen.
Wir zogen uns in Ilha Grande schnell um, dann fuhr uns Rodrigo ziemlich schnell die anderthalb Stunden nach Barra Grande, in den Staat Piauí.
In der Pousada capotamos, wie zu Beginn geschrieben.
Den freien nächsten Tag verbrachten wir mit Waschen, gemütlich frühstücken, und bis zum Sonnenuntergang am Strand baden, bloggen, umpacken. Meistens muss man für einen Reisetag gut vorbereitet sein. Wasser, Badezeug, Shorts, Sonnenblocker (70er), Sonnenhut und -brille, Kameras geladen, eine Plastikkarte und wenig Bargeld.
Wir sahen uns noch den Sonnenuntergang am Strand an, und weil die immer so schön sind, kann ich mich nicht entscheiden. Ihr dürft gerne sagen, welche ich löschen soll! Und weil es hier sofort finster wird, war auch gleich der noch-fast-Vollmond zu sehen.
Danach erkundeten wir das....wow, megasüsse Städtchen Barra Grande und teilten uns, wie meistens, ein Essen.
Und am nächsten Morgen, Donnerstag, 19. September, ging's weiter auf die letzte Etappe der Rota das Emoções:

Um 10, es war schon über 30 Grad, holte uns der Fahrer Luciano im 4x4 de luxo, wie sie Luís nennt, und die in ländlichen Gebieten jeder hat, der etwas auf sich hält, ab. Eiskalt die Klimaanlage eingestellt, drei moços helfen beim Gepäck, de luxo auch hier.
Wir fahren durch die Steppe bis halb 12, da sind wir erhöht in einem Ort mit interessanten Felsformationen, Chaval, im Grenzgebiet von Piauí zum bereis nächsten Staat, Ceará. Der Fahrer Luciano meint, wir könnten auf so einen Felsen hinaufsteigen, da gebe es einen Aussichtspunkt, und es lohne sich. Gesagt, getan. Zur Gruta da Senhora Lourdes hinauf ist es steil und heiss, aber die Aussicht wunderschön.
Danach ruft mein angeschlagenen Magen, das Açaí gestern war eventuell...wir wollen nicht grübeln. In einem posto am Stadtrand, gut beschützt durch Polizei und Ambulanz, gehe ich auf saubere Klo, das sogar die WC Dusche hat. Erst beim Spülen traue ich meinen Augen nicht. Eine Handgrosse hellbraune Spinne krabbelt locker gegen das Wasser an. Ich bin so konsterniert und es dauert, bis mein Hirn erfasst, was ich da sehe, dass ich nicht mal schreie.
Emoções der anderen Art.
Luis und ich suchen nach der Spinnenart, es kommen zwei in Frage, giftig und tödlich beide. Am wahrscheinlichsten war es eine dieser beiden:
Nun denn, wir fahren so anderthalb Stunden nach Camocim. Eine Stadt an einem Meeresarm, unbekannt, nichts spezielles....wir fahren aber wegen Arbeiten auf der Hauptstrasse einen grossen Umweg und ich sehe viele bunte Ecken.
Hier im Nordosten spricht man wie in Manaus vom Sommer. Weil es Trockenzeit ist, sagen die einen, weil man wie die Nordamerikaner sein will, die anderen. In der Regenzeit, im Amazonas von Dezember bis mai, hier von Februar bis Juni, spricht man vom Winter. Die Temperatur ist ja immer gleich, mindestens 26, höchstens um die 42 Grad.
Und hier braucht man im Winter keinen Regenschirm, der Regen ist meist leicht oder kurz, dafür im Sommer:
Wir fahren zum Hafen.
Dort warten wir auf die coolste Fähre ever. Es ist die Version für Einheimische, dafür ist sie näher, meint Luciano.
Das dauert eine gute Stunde, und wir beobachten, wie ein Auto im Sand steckenbleibt. Mit vereinten Kräften und zwei Brettern hebeln sie die Karre auf die Fähre.
Luciano fährt souverän auf den Kutter, ich gehe zu Fuss und bleibe als Fussgänger-Passagierin draussen.
Das Wasser läuft herein, wir sind schräg, es hat Wind und Wellen, who cares.
Drüben geht es dem Strand entlang, bis nach anderthalb Stunden Dünen auftauchen. Jupii, hinauf, hinunter, hinein, zum Lago Grande, wo die Tische im Wasser stehen und die Hängematten gerade so den halben Körper ins Wasser tauchen lassen.
Das übliche Mittagessen mit Touristenpreisen gibt es auch.
Neu: kein Cardápio, er komme gleich mit dem Cardápio ao vivo, meint der Barraque-Besitzer.
Wir nehmen den Arabaiana, das sei der feinste. Also...den ganz links.
Wir hatten uns gefreut, bis vier in den Hängematten auszuruhen, aber Luciano trieb uns um 14.30 Uhr zum Auto, die Flut sei sonst zu hoch.
Wir holpern durch die Dünen wie wenn man im weichen Schnee auf einer Schlittelpiste oder auf dem Skiweg über Wellen fährt.

bis zum Strand, wo noch einige wenige Mangroven dem Wind und Salz trotzen, die meisten sind schon abgestorben. Bereitwillig bietet ein Einheimischer an, Fotos zu machen. Zum Thema Selfies und sich fotografieren lassen habe ich schon in Bonito geschrieben. Es bleibt aber für mich ungewohnt.
Kurze Zeit später müssen wir wieder einen kleinen Meeresarm überqueren. Die Fähren sind noch kleiner, zwei Bretter schnell hingelegt zum Hoch- und runterfahren.
Weiter geht's dem Strand entlang, manchmal durch Waldreste, manchmal vollgas dem flachen Strand entlang, manchmal dank 4x4 durchs Wasser.
Es gibt immer wieder ausgewilderte Tiere, bei uns undenkbar: Ziegen, Esel, Pferde, Schweine, Kühe, Hunde, Katzen, Schafe.
Und wenn der Kleinbauer Hunger hat, fängt er sie ein und geht sie verkaufen, und wenn es über den Meeresarm gehen muss....
Wir fahren bis um Vier, dann treffen wir am Ziel der Rota das Emoções ein, in Jericoacoara.
Über Jeri selber werde ich einen eigenen Eintrag machen. Heute ist Sonntag, der 22. September,und ich habe bis heute gebraucht, um bis hier zu bloggen - drei Tage. Eine Foto hochzuladen dauert im Schnitt eine vis 10 Minuten, ein Video drei Minuten bis meistens eine Stunde bis zu einem Tag.
Natürlich sind auch hier die Sonnenuntergänge schön!




































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































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