Santos im Juli 2024
- Milena da Silva Reis

- 6. Sept. 2024
- 3 Min. Lesezeit
Über die Stadt Santos gibt es noch viel zu erzählen. Architektonisch interessant ist vor allem der neue Teil, Architektonisch schön der alte.
Zuerst zum alten, denn da gab es in der Baixada bis zur Kolonialisierung nichts. Nichts heisst in Brasilien meist wenig Zivilisation im heutigen Sinn, aber hier auf der Insel war tatsächlich nichts, es hatte auch wenige Ureinwohner. Die Stadt entstand daher vom Hafen her, denn der ist seitlich an der Stadt und innerhalb der geschützten Meeresbucht, ideal für den Wasserweg. Die frühen Eroberer waren denn vor allem daran interessiert, die reichen landwirtschaftlichen Erzeugnisse nach Europa in die Welt zu bringen. Das waren vor allem Zuckerrohr, dann Bananen und erst später Kaffee ä. Mit dem Transport vom Landesinneren her entstand die Stadt São Paulo, erst nach Santos. Dort wurden die Güter gesammelt und hinunter (700m Höhendifferenz) nach Santos gebracht. Erst mit dem Kaffeemarkt explodierten die Städte. Der Kaffeepreis wurde sowohl in São Paulo als auch in Santos gehandelt, daher gab es die Kaffeebörse in beiden Städten, allerdings galt für den Export nur der Preis in Santos. Den Besuch der beiden Börsen kann ich sehr empfehlen - wer glaubt, unsere Museen seien cool und fortschrittlich, bekommt hier gleich eine Lektion in Demut. Technisch sind uns die Brasilianer voraus, IT Grundbildung erhält jede Coiffeuse, darüber mehr im Beitrag zu Brasília. Die Altstadt hat seit der Enttäuschng der Gross-Investoren darüber, dass das das reichlich vorhandene Öl vor der Küste zu aufwändig zum Abbau ist, weil es zu tief für die gewöhnlichen Plattformen liegt, einen eigentlichen Zusammenbruch erlitten. Die Petrobras und andere Schwergewichte, welche noch in den 2000er Jahren ganze Straßenzüge aufkauften, liessen ab den 10er Jahren alles leerstehen. Die finanzkräftigen Businessleute zogen weg, wer blieb, kaufte teure, sehr teure Wohnungen am Strand und ging auch dort und nicht mehr in der Altstadt einkaufen. Das wollten auch die Einheimischen, die Altstadt war noch etwas für die Touristen. Nur das Ratshaus, die verschiedenen Ämter und die Infrastruktur dazu blieb. Die Strassen wurden nicht mehr repariert, die Post und die Banken verlagerten das Schwergewicht in die neue Stadt, das Geld blieb weg.
Ganze Strassenzüge sind heute nur noch Fassaden, wie aus einer alten Filmkulisse, dahinter ragen Baumwipfel heraus, deren Abkömmlinge wachsen auch aus den Brüstungen und Dächern.
Da die wunderschöne Altstadt zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt wurde, sind die Besitzer verpflichtet, die Gebäudehüllen zu bewahren.
Interessant ist, dass die Bolsonaro-Anhänger behaupten, der Zerfall sei wegen der Lula-Regierung passiert, der von 2003-2011 Präsident war und seit 2023 wieder regiert, mit den gemässigt linken Nachfolgern Dilma Rousseff und Michel Temer.
Die Lula-Anhänger behaupten, der Zerfall sei wegen und in der Zeit der Bolsonaro Regierung von 2019-2022 passiert.
Jedenfalls geht es der wunderschönen Altstadt noch schlecht. Noch darum, weil die Regierung ein Projekt zur Wiederbelebung der historischen Altstadt gestartet hat mit dem Ziel, wieder Touristen anzulocken. Im Zentrum um das wunderschöne Ratshaus mit einem noch wunderschöneren Café auf der aussichtsreichen Terrasse und das berühmte Café Carioca, die schönen Einkaufsstrassen und all die altertümlichen Ämter das Kaffemuseum und das Bonde, das süsse Strassenbähnchen für Touristen, um all die Attraktionen herum wird nun gewerkt, alle Strassen sind aufgerissen und Schienen werden für eine Vorstadtbahn gelegt, es gibt bereits das Pendant zum Skywalk, hier ein Walk über den Meeresarm mit Aussicht auf den fünftgrössten Hafen der Welt und ein Riesenrad. Erste innovative Cafés und Bars haben kürzlich eröffnet, die Lokale sind noch zu Spottpreisen zu haben. Und noch ist es gefährlich, hier ein Handy oder einen Geldbeutel aus der Tasche zu ziehen. Überall sind Einbrecher und Vandalen am Werk, Obdachlose liegen vor den Eingängen. Aber es läuft etwas, die Junioren des FC Santos besuchen das Kaffeemuseum, das immer gut besucht ist.
Der neue Teil ist wie alle Städte in Brasilien: grösstenteils hässlich, jedoch gibt es einige interessante Dinge: die Zahnreihe und deren Korrektur, die Aufteilung nach Kanälen, der schöne breite flache Strand, die Schlangeninsel, der relative Wohlstand. Und die Verliebtheit der Einwohner in ihre Stadt. Im subtropischen Meeresbecken gelegen, gibt es oft Nebel im Winter. Dieses Jahr hat es nicht nur überall Hitzerekorde, sondern auch Kälterekorde gegeben.



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